Die Erschließung des Westens der USA
(16. - 19. Jahrhundert)
von Götz Frittrang (1996)
Inhalt
Spanien: Don Francisco Coronado
Im Jahre 1492, als Christoph Kolumbus die Insel San Salvador betrat, wurde
damit eine Welle von Eroberungszügen ausgelöst, die weit bis in
unser Jahrhundert anhielten. Die Spanier und Portugiesen schafften es, innerhalb
von nur wenigen Jahren Siedlungen und Stützpunkte zu errichten und
das Land bis hinauf nach Mexiko unter ihre Kontrolle zu bringen, wenigstens
an den Küstenlinien entlang.
Nachdem die Suche nach dem legendären "El Dorado" und anderen
Goldstädten mit sagenhaftem Reichtum erfolglos geblieben war, wandte
sich das Interesse mancher Spanier nach Norden, in Richtung des nordamerikanischen
Kontinents. Angetrieben von der Gier nach Gold, setzte sich im Jahre 1540
eine Expeditionstruppe von 336 Soldaten unter der Führung Don Francisco
Coronados, einem Freund des mexikanischen Vizekönigs, von der Stadt
Culiacán aus in Bewegung, um im Norden nach Gold zu suchen. Coronado
überschritt die Grenze zum Gebiet der heutigen USA und suchte zwei
Jahre lang nach goldenen Städten, die, seiner Meinung nach, irgendwo
im mittleren Westen existieren mußten. Während seiner Streifzüge,
die ihn bis ins heutige Kansas führten, traf er auf viele Indianerstämme.
Die meisten Begegnungen verliefen ohne Kampf, da er nie die Hoffnung aufgab,
die Indianer könnten etwas über die Lage des Goldes wissen. Coronados
Interesse an der Landschaft war hingegen gleich Null. Es war ihm kaum eine
Erwähnung im Tagebuch wert, daß er den Grand Cañyon entdeckt
hatte. Eines beeindruckte ihn aber sehr: die enorme Größe der
Büffelherden in der Prärie.
Als Coronado nach Mexiko zurückkehrte, wurde er nicht als Held, sondern
als Versager empfangen. Obwohl er so weit in das Gebiet der heutigen USA
vorgedrungen war, zählte für den Herrscher allein die Tatsache,
daß er kein Gold für die spanische Krone fand. Er starb wie Christoph
Kolumbus, verarmt und einsam.
Nach dem Sieg der englischen Flotte über die spanische Armada im Jahre
1588, verloren die Spanier ihre bisherige Vormachtstellung in der Welt.
Um ihren Einfluß im Westen der heutigen USA nicht zu verlieren, erließ
König Philipp II. die Anweisung, die Gebiete von Neumexiko und Kalifornien
zu kolonialisieren. Da aber das Militär die meiste Zeit damit verbrachte,
nach Städten aus Gold und Edelsteinen, deren Bewohner sich mit Goldstaub
puderten und in silbernen Wagen fuhren, zu suchen, fiel diese Aufgabe dem
Klerus zu. Vor allem auf die Franziskanern geht der spanische Einfluß
auf diese Regionen zurück. Sie gründeten zahlreiche Städte
und bauten überall Missionsstationen. Orte mit Namen wie San Francisco,
Los Angeles, Santa Fé oder San Diego zeugen noch heute von dieser
Vergangenheit.
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Frankreich: Paul und Pierre Mallet
Eine andere Nation, die sich in der Erschließung des Westens hervortat,
war Frankreich. Ein Jahrhundert nach ihrer Gründung durch die Spanier
hatte sich Santa Fé zu einem wichtigen Außenposten des sterbenden
spanischen Imperiums entwickelt. Durch Gerüchte gelockt, machten sich
die Brüder Paul und Pierre Mallet 1739 von Neufrankreich, dem heutigen
Kanada, auf, um über die Großen Seen, den Illinois und den Mississippi
auf dem Missouri nach Santa Fé zu gelangen. Der Westen war kartographisch
noch immer so unerforscht, daß die Mallets glaubten, auf diesem Weg
an ihr Ziel zu gelangen. Nach einigen Tauschgeschäften mit Indianern,
die wußten, wo Santa Fé lag, schlugen sie den richtigen Weg
ein und gelangten so an ihr Ziel. Die Gebrüder Mallet waren die ersten
Europäer, die das bis dahin unerforschte Gebiet zwischen Kanada und
Neumexiko durchquerten. Da die Spanier sie jedoch für Spione hielten,
wurden sie hingerichtet, indem man ihnen vom Rücken her das Herz aus
dem Körper schnitt.
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Frankreich: Louis-Joseph und Francois
Vérendrye
Ein anderes französisches Gebrüderpaar, Louis-Joseph und François
Vérendrye waren 1742 darauf aus, den Pazifik zu erreichen. Nachdem
sie vergeblich knapp zwei Jahre damit verbrachten, einen Weg zu diesem westlichen
Meer zu finden, gaben sie auf. Allerdings nicht, ohne vorher das gesamte
Gebiet des mittleren Westens im Namen von König Ludwig XV. zu annektieren.
Nach Beendigung des englisch-französichen Kolonialkrieges, 1763, mußte
Frankreich seine nördlichen Territorien an England und alles Land westlich
des Mississippi an Spanien abtreten. Im Jahre 1800 gab Spanien diese Gebiete
allerdings wieder an Frankreich zurück. Drei Jahre später erklärte
sich Frankreich, jetzt unter Napoleon Bonaparte, dazu bereit, nicht nur
das von den Amerikanern geforderte New Orleans, sondern das gesamte französische
Territorium für 15 Millionen zu verkaufen. Der amerikanische Präsident
Thomas Jefferson vergrößerte damit das Gebiet der USA um mehr
als fünfhundert Millionen Morgen Land auf das Doppelte. Für einen
Preis von weniger als drei Cent pro Morgen.
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Thomas Jefferson / Captain Meriwether
Lewis
Ein Haupziel war es nun, dieses neue Land zu erkunden. Jefferson war entschlossen
eine Expedition bis zum Pazifik zu schicken, um die Westküste des Kontinents
für die USA in Besitz zu nehmen. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde dieses
Gebiet nämlich noch von Großbritannien und Rußland beansprucht.
Allerdings hatte keine dieser Nationen es für nötig gehalten,
dort Siedlungen zu errichten. Der Präsident legte aufs genaueste die
Ziele der Expedition fest: Erkundung der Rocky Mountains und deren Flora
und Fauna, Aufnahme von Kontakten zu den ansässigen Indianerstämmen
und Erforschung ihrer Kultur und Bräuche, Kartographierung wichtiger
Geländepunkte und das Finden eines geeigneten Zugangs zum Pazifik.
Diese Forschungsreise war die erste, rein wissenschaftlich orientierte,
die es bis dahin gegeben hat. Im Jahre 1804 machte sich Captain Meriwether
Lewis mit ca. 30 Männern auf den Weg. Sie fuhren mit drei Booten den
Missouri entlang, bis sie den Beaverhead erreichten. Freundliche Indianer
halfen ihnen, zu Fuß die Rocky Mountains zu überqueren. Über
den Columbia River erreichten sie schließlich das Meer, wo sie überwinterten.
Auf demselben Weg, den er gekommen war, erreichte Meriwether Lewis nach
zwei Jahren und neun Monaten und einer Wegstrecke von über fünfzehntausend
Kilometern wieder den Ausgangspunkt seiner Fahrt, St. Lewis.
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Pelzkriege und Fallensteller
Durch die Berichte Meriwethers, über die großartige Schönheit
der Rocky Mountains, und ihren Reichtum an Tieren wurden viele Fallensteller
angelockt. Es begann die Zeit der Pelzkriege. Mächtige Handelsgesellschschaften
kämpften verbissen um die reichen Jagdgründe, da das Geschäft
mit Pelzen ebenso lukrativ war wie heute der Handel mit Öl. Jede Gesellschaft
repräsentierte die Interessen eines Landes. Namen wie "American
Fur Company", "Northwestern Company" oder "Hudson's
Bay Company" wurden zu mächtigen und einflußreichen Namen
im neu erforschten Westen. Diese Gesellschaften gründeten überall
im Gebiet der heutigen Staaten Idaho, Washington, Montana und Wyoming Handels-
und Nachschubstationen, aus denen sich bald kleine Städte entwickelten.
Zwar fielen während des amerikanisch-englischen Krieges von 1812-14
einige dieser Posten unter englische Kontrolle, die Jagd und der Handel
ging jedoch unvermindert weiter. Die Trapper, die im Auftrag der Pelzkonzerne
die Wildnis durchstreiften und sich oft Jahrelang in ihr aufhielten, trugen
viel zur weiteren Erkundung des Westens bei. Daß dieses sehr einträgliche
Geschäft die fast vollständige Ausrottung der Biber zur Folge
hatte, beunruhigte aber niemand.
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Rocky Mountain Fur Company unter
Jedediah Smith
Nachdem die Reserven an Pelztieren langsam zur Neige gingen, beschloß
1826 die "Rocky Mountain Fur Company" unter Jedediah Smith, das
Gebiet des heutigen Kaliforniens zu erkunden, das immer noch in spanischer
Hand war. Sie durchquerten Utah auf dem Colorado River, folgtem ihm durch
Arizona bis zur Grenze Kaliforniens, wo ihnen Mojave Indianer dabei halfen,
die Wüste zu durchqueren. Als sie aber an der Missionsstation San Gabriel
ankamen, erging es ihnen wie den Gebrüdern Mallet vor knapp einem Jahrhundert.
Sie wurden vom spanischen Gouverneur der Spionage beschuldigt und ausgewiesen.
Statt Kalifornien zu verlassen, war Smith entschlossen, das Land in nördlicher
Richtung zu erforschen, und schaffte dies auch, nachdem er mit seiner Truppe
von Fallenstellern und Jägern fast zwei Jahre an den Rocky Mountains
entlang nach Norden gezogen war, immer von den spanischen Behörden
verfolgt, um schließlich auf die Handelsposten im amerikanischen Nordwesten
zu stoßen.
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1829 Weg für Planwagen über
die Rocky Mountains. Go West
Viele Leute wie er, Fallensteller und sogenannte "Mountain Men",
durchstreiften die Wildnis des Westens. Sie beuteten die Schätze der
Natur aus, und schürten mit ihrem Verhalten den Haß der Indianer
auf die Weißen, die nun in immer größerer Zahl in den Westen
strömten. Eine entscheidende Voraussetzung für die schnelle Besiedelung
des Westens war das Finden eines für Planwagen geeigneten Weges über
die Rocky Mountains. Bis zum Jahr 1829 hatte man es für völlig
ausgeschlossen gehalten, diese natürliche Barriere auf dem Weg zur
Westküste mit einem Wagen überqueren zu können. In diesem
Jahr allerdings tat ein Partner Smith´s genau das. Er fuhr mit zehn
Wagen von St. Louis durch die Plains über den South Pass bis zum Columbia
River. Die Zeitungen berichteten, daß damit der Beweis erbracht sei,
das der Vormarsch des amerikanischen Volkes in Richtung der Westküste
durch nichts mehr aufzuhalten sei. Und das war er auch nicht mehr. Die Siedler
strömten immer weiter ins Land hinein. Überall entstanden neue
Dörfer, die durch den ständigen Zuzug aus dem Osten bald zu kleinen
Städten wurden. Die Außenposten wurden immer weiter vorverlegt,
und die Indianer mußten immer weiter zurückweichen. Als Mexiko
um 1830 seine Unabhängigkeit von Spanien erhielt, konnte nun der Handel
mit diesem Land aufgenommen werden, was von den Spaniern immer abgelehnt
wurde. Jedediah Smith war einer der ersten, der eine Handelsexpedition in
den Südwesten Richtung Santa Fé leitete. Er fuhr mit 74 Mann
und 22 Wagen nach Mexiko. Auf dem Weg dorthin wurde er von Comanchen getötet.
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Krieg gegen Mexiko
Erforscht und von Weißen bereist war nun nahezu der ganze Westen.
Eigentum der USA, wie wir sie heute kennen, war er allerdings noch nicht.
Kalifornien und die Gebiete des heutigen Texsas, Neu Mexiko, Utah, Nevada
sowie Teile von Arizona und Colorado waren immer noch im Besitz Mexikos.
Durch den Krieg von 1812 hatten die Amerikaner deutlich gemacht, daß
sie nicht dazu bereit waren, den Kontinent mit einem anderen Land zu teilen.
Im Jahre 1846 annektierten sie deshalb diese Gebiete, und führten zwei
Jahre lang einen Krieg mit Mexiko um sie. Damit hatte Amerika seine jetzige
Ausdehnung auf dem Nordamerikanischen Kontinent erreicht.
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Goldrausch in Kalifornien
Als schließlich 1848 die Nachricht von Goldfunden in Kalifornien durchs
Land ging, fand der Zug der westwärtsziehenden Siedler seinen Höhepunkt.
Die eher übertriebenen Schilderungen erinnern an die Zeit Coronados,
der vergeblich nach dem Gold Amerikas gesucht hatte. Entlang der Flüsse
im Norden Kaliforniens enstanden schäbige Zeltstädte. Alle machten
sich dorthin auf, um reich zu werden. Die Armee hatte große Probleme
mit Deserteuren und mit den Soldaten, die sie zurückholen sollten,
weil sie ebenfalls dem Goldfieber erlagen.
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Telegrafenleitung
Zu diesem Zeitpunkt dauerte die Durchquerung der USA bis zu vier Monaten,
da es weder eine durchgehende Eisenbahnverbindung noch eine richtige Straße
gab. Ein Anfang, zur ständigenVerbindung der beiden Küsten wurde
mit dem Bau einer durchgehenden Telegrafenleitung gemacht. Von 1860-62 dauerte
ihr Bau. Durch sie schmolz die riesige Entfernung zusammen. Eine Nachricht
aus Kalifornien war nun nicht mehr drei Monate unterwegs, sondern konnte
sofort übermittelt werden.
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Eisenbahn
Das Ende der Erschließung des Westens kam mit der Eisenbahn. Am zehnten
Mai 1869 vereinigten sich die von Westen und Osten kommenden Bahntrassen
nördlich von Salt Lake. Damit war es möglich, den Kontinent in
relativ kurzer Zeit relativ sicher zu durchqueren. Die Indianer fingen erst
jetzt an, sich gegen die brutale Landnahme und die Vertragsbrüche in
größerer Zahl und organisiert zu wehren. Allerdings kamen sie
damit zu spät. Ihre gelegentlichen Siege machten alles nur schlimmer,
denn dadurch wuchs der Haß der Amerikaner auf sie nur. Ganze Armeen
wurden entsandt, um die Indianer zu vernichten. Die wenigen Überlebenden
wurden in häßliche, viel zu kleine Reservate eingesperrt. Heute
stellen die Indianer die Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Arbeitslosigkeit,
Alkoholabhängigkeit und Selbstmordrate. Sie hatten und haben im expansionistischen
Weltbild der Amerikaner keinen Platz.
Der Westen oder Wilde Westen prägte die USA nachhaltig. Der Wunsch,
sich immer weiter auszubreiten, die Grenze immer noch ein Stück weiter
nach vorn zu rücken, ist noch heute ein Grundzug ihrer Mentalität.
Die Zeiten des Westens scheinen noch greifbar in der Gesetzgebung der USA,
die den Besitz von Waffen jedem Bürger gestattet. Die Justiz ist noch
im beginnenden 21. Jahrhundert in der Lage, Menschen zu erschießen,
zu erhängen, zu vergasen, zu vergiften und elektrisch zu grillen. Und
das in einem der fortschrittlichsten Länder der Erde.
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Quellen:
- Dee Brown: Im Westen ging die Sonne auf- Die Eroberung des amerikanischen
Kontinents
- Diverse Lexika
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