"Mit dem Zurückdrängen des Werksteins und des schweren römischen Füllmauerwerks, mit der Wahl immer leichterer Materialien und der Vorherrschaft des Ziegels hatte die Vergänglichkeit der baulichen Kunstwerke beträchtlich zugenommen. Nicht als ob der gut gebrannte Ziegel an Widerstandsfähigkeit gegenüber den Naturgewalten den anderen Materialien wesentlich nachstände, seine leicht Abtragbarkeit und Transportierbarkeit ist es, welche jedem außer Benutzung stehenden Gebäude, jeder Ruine zum Verhängnis wird. Konstantinopel zeigt schon vom 9. Jh. ab die charakteristischen Erscheinungen einer Spolienbaukunst, und wie aus den Ziegeln des alten Babylon immer neue Städte und Dörfer entstanden, so sind die Bausteine Konstantinopels Marmorschäfte, Kapitelle, Mosaiken, Steinbeläge und Ziegelmauern immer wieder verwendet worden."
Der dabei unbrauchbar gewordene Anteil häufte sich als Bauschutt auf dem Boden der Stadt. Heute liefert er wichtige Erkenntnisse über die Entwicklung der Architektur (siehe Myrelaionkirche!).
"Die Versuchung, sie [die nicht mehr benutzten Gebäude] als Steinbrüche für Quader und skulpturierte Einzelteile zu benutzen, war nahezu unwiderstehlich. Eine Reihe kaiserlicher Anordnungen, die diese Praxis verboten (oder nur bei heidnischen Tempeln erlaubten), bezeugt nur die Verbreitung des Mißbrauchs, und zahlreiche archäologische Funde beweisen, daß vom 4. Jh. an Spolien häufig verwendet wurden. Meiner Ansicht nach ist dieses Phänomen für das Verständnis der byzantinischen Architektur überaus wichtig. Es lag in der Natur der Spolien, daß sie sozusagen 'vorgegeben' waren und nicht den Bedürfnissen des Bauwerks entsprechend hergestellt wurden, in dem sie wiederverwendet werden sollten. Wenn also etwa für eine christliche Basilika 12 Säulenschäfte und 12 Kapitelle gebraucht wurden, so fiel es nicht leicht, ganz gleiche Stücke zu finden, und es war sehr wahrscheinlich, daß die Schäfte aus verschiedenartigem Marmor bestanden, daß sie verschieden dick und daß ihre Kapitelle verschieden skulpturiert waren. Was anfangs vielleicht ein im Grunde nicht wünschenswertes Ausnützen gebotener Gelegenheit war, führte dazu, daß man eine Duldsamkeit gegenüber Unregelmäßigkeiten entwickelte, die dann schließlich ihrerseits zu einem ästhetischen Prinzip wurde."
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