
Nordkirche ist älteste erhaltene mittelbyz. Kirche in Konstantinopel (908, angegeben werden Daten zwischen dem 10. und dem 15. Jh. (Wulff)!) und erster nachgewiesener Kreuzkuppelraum überhaupt. Ihr Bema ist weit ausladend, sie hat drei Apsiden und vier Oberkapellen (zwei über dem Narthex und zwei über den Pastophorien).
Die Klosterkirche wurde von dem Admiral (Drungarios) und Patrizier Konstantinos Lips im 10. Jh. gestiftet und im Beisein Kaiser Leos VI. des Weisen 908 der Theotokos Panáchrantos (der "Unbefleckten Gottesgebärerin") geweiht, was bedeutet das die Kirche mit den höchsten Gesellschaftsschichten zusammenhing.
Trotz seiner schweren Beschädigungen - wozu vor allem das Ersetzen der vier Säulen durch weite Bögen (vgl. Pammakaristos) und der Umbau der Kuppel gehören - lassen sich seine ursprüngliche Erscheinung und die Ausschmückung einigermaßen genau rekonstruieren. Das Bauwerk war zwar klein (Kuppelspannweite 3,80 m), aber von erlesenster Feinheit. Im Grundriß haben wir die beiden Seitenkapellen, die dem zentralen griechischen Kreuz angefügt sind, die ausgebogten Pastophorien, die großen Seitenfenster, die dem Schiff Licht geben, und den an den Narthex angebauten Treppenturm. Die Treppe führte auf das Dach, wo sich vier weitere Kapellen, jede mit einer eigenen kleinen Kuppel, in den Ecken des Rechtecks befanden, zwei über dem Narthex, die beiden anderen über den Pastophorien. Die beiden östlichen Kapellen, die heute keinen sichtbaren Zugang mehr haben, erreichte man wahrscheinlich durch einen auf Konsolen ruhenden freitragenden Gang. Von außen gesehen war es also, ganz wie die siebenundzwanzig Jahre früher erbaute Nea Ekklesia (heute nicht mehr erhalten), eine fünfkuppelige Kirche. Im Inneren war sie überdies ganz besonders reich und qualitätsvoll ausgeschmückt. Die Mosaiken sind verschwunden, aber sehr viele Bildhauerarbeiten sind noch vorhanden - auf den schlanken Mittelpfosten der Apsidenfenster und des großen Nordfensters im Schiff, auf den Gesimsen, Konsolen und Brüstungsplatten. Das Schmuckrepertoire umfaßte sassanidische Palmetten, komplizierte Bouquets, Rosetten, Pfauen und Akler, alles sehr fein herausgearbeitet. Außerdem waren die Ornamente entsprechend dem Platz, den sie in der Kirche einnahmen, proportioniert. Das Kuppelgesims, das sechs Adler zeigte, kragte weiter vor als die niedrigeren Gesimse und war tiefer eingeschnitten. Dies ist ein Hinweis auf die einheitliche Gestaltung von Architektur und Dekoration, die wir in fast allen byzantinischen Kirchen wiederfinden. Nach byzantinischen Maßstäben ist diese Arbeit ausgezeichnet, und so sind denn auch zwei interessante Tatsachen ans Licht gekommen: 1. daß ein großer Teil der in der Kirche verwendeten Marmorteile aus neubearbeiteten Grabsteinen besteht, die von einem spätrömischen Friedhof in Kyzikos stammen, 2. daß die bedeutenderen skulpturierten Teile offenbar ebenfalls wiederverwendete Stücke sind. Über die Kapitelle der vier Hauptsäulen können wir nichts Sicheres aussagen, aber diejenigen der acht Wandpfeiler, die durch Bogen mit den Säulen verbunden waren, stammten aus dem 5. Jh.; man hatte sie sorgfältig halbiert und sogar ausgebessert. In der Lips-Kirche kamen noch zwei andere Dekorationsarten zur Anwendung: Einlegearbeit und glasierte Fliesen.
Die vier Oberkapellen hatten keine Verbindung zur Hauptkirche und dienten wahrscheinlich entweder als private Andachtsräume mit eigener liturgischer Ausstattung oder als Märtyrer- oder Reliquienheiligtümer.
Besondere Aufmerksamkeit verdient auch die Lichtführung im Hauptraum. Alle Wandteile sind so weit wie möglich als lichtspendende Fenster genutzt. Um dies zu ermöglichen, mußten alle tragenden Bauteile extra miteinander verstrebt werden.
"Das bedeutendste unter den uns erhaltenen kirchlichen Gebäuden aus dieser Periode Konstantinopel ist die Südkirche des Lips-Klosters."
An die Nordkirche ließ Theodora, die Witwe Michaels VIII. Palaiologos um 1304 eine weitere Südkirche anbauen. Sie war Johannes dem Täufer (Johannes Prodromos) geweiht und als Grabstätte ihrer Familie ausersehen. Außer der Stifterin wurden hier ihr Sohn, Andronikos II. ( 1332) [siehe auch Chora-Kirche; Cosmas] und dessen Gemahlin Irene begraben. Der Anbau an eine schon vorhandene Kirche geschah vielleicht in der Absicht, den Komplex des Pantokrator, das Familienmausoleum der Komnenen, nachzuahmen.
Die Südkirche besitzt wie die Nordkirche drei Apsiden. Der Mittelraum bildet ein von einem Kuppelturm bekröntes Quadrat, das sich in das gewölbte Bema hinein fortsetzt. Auf drei Seiten ist ein gewölbter Umgang herumgeführt (Umgangskirche) und erfüllt die Aufgabe eines Parekklesions. Als Vorbild für den Wandelgangtyp könnte die mittelbyzantinische Pammakaristos-Kirche gedient haben.
Die durch Haustein- und Ziegelschichten gegliederten Apsiden der Johannes Prodromos-Kirche sind mit Blendnischen und Ornamenten belebt. Die Gestaltung der Ostpartie zeugt für Phantasie und Geschmack.
Typisch für paläologische Kirchen ist das einbeziehen von Arkosolgräber. fünf im Naos, vier im Narthex, sieben im Wandelgang. Den Ehrenplatz hält das Ost-Arkosolium im südl. Seitenschiff inne. Es war wahrscheinlich das der Theodora. Zu ihm gehörte wahrscheinlich auch die heute im Museum befindliche Archivolte mit Apostelbüsten, das hervorragendste Beispiel paläologischer Bildhauerkunst.
Die Kirche war einst reich geschmückt. Zwar sind die Mosaiken nicht mehr erhalten, doch sind noch einige wertvolle Bildhauerarbeiten erhalten (Mittelpfosten der Apsidenfenster und des großen Nordfensters im Schiff, Gesimse, Konsolen, Brüstungsplatten).
Das exemplarische Zusammentreffen von mittelbyzantinischer Nordkirche und palaiologischer Südkirche ist besonders in der Außenansicht von Osten sichtbar. Zwar verliert die Kirche insgesamt von außen an Monumentalität, da sie heute 2 m unter dem Bodenniveau liegt, doch bleibt die Möglichkeit des Vergleichs von mittel- und spätbyzantinischer Fassadenarchitektur uneingeschränkt. In der Nordkirche begegnen wir einer Architekturauffassung, die nichts von der Konstruktion verbirgt, im Gegenteil diese noch betont. Ihr Charakteristikum ist der kantige, klare Aufbau, dem die malerische Fassadenarchitektur der Südkirche gegenübersteht (vgl. Kilise Camii). Die Strukturierung des Baukörpers ist der Faszination für Oberflächen gewichen.
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