Bruckners Schaffen:
Die ersten Sinfonien in f-moll und d-moll waren Versuche, die von Bruckner selbst nicht als vollgültig befunden wurden. Nur ein Adagio aus der f-moll-Sinfonie ist veröffentlicht worden. Die d-moll-Sinfonie erhielt später den Namen "Nullte Sinfonie".
Die Sinfonie Nr.1 c-moll entstand 1865/66 in Linz. Sie heißt darum die "Linzer Sinfonie". Bruckner erlebte ihre Uraufführung 1868 noch in Linz. Später wurde sie gründlich umgearbeitet, so daß sich der Titel "Linzer Sinfonie" nur auf die erste Fassung beziehen kann. Mögen diese Sinfonien, vor allem in der ersten Fassung, noch unvollkommen sein, so enthalten sie doch schon alle Merkmale der Brucknerschen Sinfonik.
| Die Sinfonie Nr.2, wieder in c-moll, entstand ein halbes Jahrzehnt nach der ersten, nämlich 1871/72. Ihr erstes Thema unterscheidet sich von anderen Brucknerschen Themen, die sich oft in Dreiklangsbrechungen ergehen, durch das Umkreisen eines Zentraltones, hier des g: | ![]() |
Die Sinfonie Nr.2 ist gebändigter, geschlossener, einfacher als die erste, und daher leichter zu verstehen. Die Wiener Philharmoniker wiesen sie als "unspielbar" zurück. Gönner ermöglichten die Uraufführung, die Bruckner selbst leitete und die ein Erfolg wurde.
| Die Sinfonie Nr.3 d-moll, in der Silvesternacht 1873 vollendet, gehört zu den heute öfter erklingenden Bruckner-Sinfonien. Ihr erster Satz beginnt mit einem fanfarenartigen Trompetenruf. Als Bruckner Wagner in Bayreuth eine seiner Sinfonien widmen wollte, suchte Wagner die aus, "bei der die Trompete das Thema hat": | ![]() |
Daher der Name "Wagner-Sinfonie". Wirklich war Bruckner seinem vergötterten Meister nie so nahe wie gerade in dieser Sinfonie. Aus Worten Wagners glaubte er heraushören zu dürfen, daß Wagner diese Sinfonie selber aufführen wolle. Dabei hatte der Bayreuther Meister wohl nur einen aufmunternden Scherz gemacht. Bruckner mußte auch diese Sinfonie selbst dirigieren, nachdem sein Gönner Johann Herbeck im Herbst 1877 gestorben war. Es wurde die größte Niederlage in Bruckners Leben. Beim Finale befanden sich nur noch zehn Personen im Saal. Als Trost stellte sich nach dieser Aufführung ein Verleger ein.
Bruckner ließ sich nicht entmutigen: 1874 entstand seine Sinfonie Nr.4 Es-Dur, die erste in Dur. Bruckner hat sie seine "Romantische" genannt. Vom ersten Satz gab er eine Art Programm: "... mittelalterliche Stadt in der Morgendämmerung... Morgenweckrufe... Reiter sprengen auf stolzen Rossen hinaus... Waldesrauschen... Vogelgesang..." Doch wollte Bruckner damit nur die Stimmung im allgemeinen andeuten. Niemals lag ihm Programmusik im Sinn. Der Hörnerschall im Scherzo deutet allerdings auf Jagd hin. --> Klangbeispiel 4.Sinf.(3) Bruckner hat geradezu von dem "Jagd-Scherzo" gesprochen. Die Sinfonie Nr.4, die heute zu seinen beliebtesten gehört, mußte sechs Jahre auf ihre erste Aufführung und 17 Jahre auf ihre Drucklegung warten.
| Obwohl Bruckner keine ermunternden Erfolge hatte, schuf er 1875-1880 seine Sinfonie Nr.5 B-Dur. Man hat sie "Kirchen-" oder "Glaubens-Sinfonie" genannt, weil das Finale in einen gewaltigen Choral mündet: | ![]() |
| Der Choral ist eines der harmonischsten und melodischsten Elemente Bruckners überhaupt. Manche langsamen Themen gleichen Choralvariationen. Wie Beethoven seine Sonaten und Sinfonien motivisch verzahnte, so gleichen sich die Hauptthemen des zweiten und dritten Satzes in dieser Sinfonie: | ![]() |
Ähnliche Tonschritte ergeben verschiedene Gestalten. Das Schicksal der Sinfonie Nr.5 erscheint uns heute unbegreiflich: Obwohl 1878 vollendet, kam eine Aufführung erst 1894 in Graz zustande. Der schon kranke Bruckner konnte nicht teilnehmen, so daß er diese Sinfonie, eine seiner gelungensten und erfolgreichsten, niemals gehört hat.
Seine Sinfonie Nr.6 A-Dur wurde 1881 vollendet. Bruckner bekam nur die beiden Innensätze einmal zu hören. Im Urteil über diese Sinfonie hat sich bis heute nicht viel geändert: Sie erklingt selten, vielleicht weil ihr Hymnik und Pathos fehlen und das Finale zu den schwächeren Eingebungen Bruckners gehört.
| Um so besser gelang die 1883 vollendete Sinfonie Nr.7 E-Dur. Gleich das erste Hauptthema ist eine der besten Eingebungen Bruckners: | ![]() |
| Nicht minder der langsame Satz. Er wurde im Bedanken an ein mögliches Verscheiden Wagners entworfen und nach seinem Tode vollendet. Bruckner verwendete hier zum ersten Mal die vier "Wagnertuben". Sie geben diesem cis-moll-Satz die Weihe einer Totenklage. Vom Hauptthema des Scherzos sagte Bruckner, ein Hahn habe es ihm mit seinem Kikeriki eingegeben. | ![]() |
An der Uraufführung durch Arthur Nikisch 1884 in Leipzig konnte Bruckner teilnehmen. Er bekam dieses Werk außerdem 1885 in München unter Hermann Levi und 1886 in Wien unter Hans Richter zu hören. Der hohe Rang dieser Sinfonie wurde früh erkannt, was die zahlreichen Aufführungen belegen.
Mit der Sinfonie Nr.8 c-moll, vollendet 1886, kehrte Bruckner zu seiner Lieblingstonart zurück. Auch für diese Sinfonie hat er einige Programmhinweise gegeben: So sprach er beim ersten Satz von Todesverkündigung, Totenuhr und Ergebung. Im Scherzo habe er daran gedacht, wie der "deutsche Michel" ins Land träume. Beim Finale sei er von Vorstellungen eines Kaisertreffens in Olmütz, vom Ritt der Kosaken ausgegangen. --> Klangbeispiel 8.Sinf.(4) Es muß dabei Bruckners naive Äußerungsweise bedacht werden: Er war ein oberösterreichischer Bauernsohn geblieben. Aber sein eigentliches Schaffen vollzog sich nicht in diesen vordergründigen Sphären. Zumindest darf solchen Bemerkungen dort kein Gewicht zugemessen werden, wo sie mit dem tragischen Grundzug dieser Sinfonie nicht zu vereinen sind.
| Man hat von dieser Sinfonie als von seiner "apokalyptischen" gesprochen. Wie es Beethoven in seiner Sinfonie Nr.9 gehalten hatte, so wurde auch hier das Scherzo an die zweite Stelle gerückt. Das Hauptthema bringt ein Ostinato, während im Trio eben "der deutsche Michel ins Land hinausträumt": | ![]() |
| Wenige Tage nach Vollendung der achten und ehe er diese 1892 zu hören bekommen hatte, begann Bruckner mit der Sinfonie Nr.9 d-moll, seiner letzten. Daß er sie als Vermächtnis verstand, beweist seine Widmung "An den lieben Gott". Das erste Thema wirkt wie eine Anrufung seiner Gewalt: --> Klangbeispiel 9.Sinf.(1) | ![]() |
| Wieder wurde das Scherzo an die zweite Stelle gerückt. Der dritte Satz, ein Adagio, war der letzte, den Bruckner vollendete. Sein Thema mit dem gewaltigen Aufstieg ist eines seiner schönsten: --> Klangbeispiel 9.Sinf.(3) | ![]() |
Von einem geplanten Finale liegen Skizzen vor, Krankheit verhinderte deren Ausarbeitung. Aber auch so wirkt diese Sinfonie wie ein Ganzes. Die Uraufführung fand erst 1903, nach Bruckners Tode, unter der Leitung von Ferdinand Löwe in Wien statt.
Bruckner war einer der romantischen Künstler, die mit ihren Werken nie fertig wurden. Keiner seiner Sinfonien konnte er beim ersten Arbeitsgang endgältige Gestalt geben. Immer wieder arbeitete er sie um. Bei der Uraufführung und der Drucklegung erlebten seine Sinfonien weitere Eingriffe durch die Dirigenten oder durch Bruckners Schüler und Freunde, vor allem Löwe und die Gebrüder Schalk, die die Herausgabe besorgten. Sie hielten die Instrumentation Bruckners für ungeschickt. Er bewege sich noch immer in den Klangvorstellungen der Orgel. Daher änderten sie, fügten Vortragszeichen hinzu und schreckten auch vor Kürzungen nicht zurück. Im Finale der 5.Sinfonie schnitten sie 120 Takte heraus, in dem der 6.Sinfonie 48, wobei sogar die Reprise der ersten beiden Themen wegfiel. Erst bei der kritischen Gesamtausgabe und den Aufführungen der verschiedenen Fassungen seit 1930 wurden die überraschenden Abweichungen bekannt. Das viel gebrauchte Wort "Urfassung" ist jedoch falsch. Urfassung würde heißen: erste Fassung. Bruckner wollte sie nicht als endgültig gelten lassen. Die letzten Fassungen von seiner Hand oder die von ihm als authentisch erklärten Fassungen nennt man am besten "Originalfassung". Es bleibt offen, wieweit Bruckner die Änderungen seiner Freunde und Schüler anerkannt hat. Eingriffe in das formale Gerüst scheinen unter keinen Umständen erlaubt.Die Glättung der Instrumentation ging allzusehr von dem Glanz des Wagnerschen und Lisztschen Orchesters aus.
Seit sich Bruckner für die Sinfonie entschieden hatte, bedachte er nur noch selten andere Gattungen: 1883 schrieb er ein Tedeum. Anstoß zur Vollendung hatte Wagners Tod gegeben. Das Tedeum wurde gelegentlich als letzter Satz der 9.Sinfonie zu Gehör gebracht, die damit einen der 9.Sinfonie Beethovens entsprechenden Aufbau erhält. Doch war dies von Bruckner nicht vorgesehen und wird neuerdings wegen des Stilbruchs meist vermieden. Ein einziges Mal bedachte Bruckner die Kammermusik: 1879 schrieb er auf Anregung von Hellmesberger ein Streichquintett F-Dur. Von seinen Sinfonien unterscheidet es sich nur durch die kleinere Besetzung. Zur Aufführung kam es erst 1885. 1892 komponierte Bruckner den 150.Psalm.