2003 Dario Fo

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Dario Fo 
„Siebentens: Stiehl ein bisschen weniger“

Unsere Arbeit mit dem Stück:

30 Rollen, 14 Spieler, Text für 180 Minuten Aufführung - das waren die Voraussetzungen vor Beginn der Auseinandersetzung mit diesem gesellschaftskritischen Stück. Das hieß, erst einmal Doppel- und Dreifachrollen zu finden und zu besetzen und vor allem den Text drastisch zu kürzen. Letzteres erschien uns sowieso sehr sinnvoll, da die wesentliche Handlung zuweilen in den vielen Gesangseinlagen und commedia-dell'arte-Versatzstücken verloren zu gehen drohte. Andererseits entschieden wir uns recht kurzfristig, zwei kommentierende Gesangsstücke in Rap-Interpretationen umzuwandeln. Glücklicherweise fanden wir mit Jonas Langenbacher einen begnadeten Performer. Bei der gesamten Umarbeitung erwies sich die Bereitschaft des langjährigen AG-Mitglieds Christian Morlock, die Arbeit des Mit-Regisseurs zu übernehmen, als besonders wertvoll, da wir dem Mammuttext so zu zweit auf den Leib rücken konnten.

Schön auch, dass uns mit Michael Meyer (unserem "Axel Magee" aus "Vorsicht, Trinkwasser!") ein Ehemaliger die Treue hält. Er spielt während seines Zivildienstes weiter, was auch zeigt, wie gut die Stimmung in der Gruppe ist.

 

Zum Stück:

Enea, eine Totengräberin, verbindet sich mit einem Geschäftsmann, der im Besitz belastenden Materials über korrupte Politiker ist. Der Skandal droht zu einer politischen Affäre ungeahnten Ausmaßes zu werden und kann vom persönlich erscheinenden Minister nur dadurch gelöst werden, dass er alle Mitwisser als "Irre" in Gewahrsam nehmen lässt.

Die Herausforderung dieses Stückes liegt auch in seiner Überlänge, die drastische Textkürzungen erforderlich macht. Somit wird jede Theatergruppe, die sich an dieses Stück wagt, eigene Schwerpunkte setzen (müssen).

  (Die Aufführungsrechte liegen bei: henschel Schauspiel Theaterverlag, Marienburger Str. 28, 10405 Berlin.)

 

Biographie Dario Fo:

Dario Fo wird 1926 in San Giano am Lago Maggiore als Sohn eines Bahnhofsvorstehers geboren. Er, der in dem von FIAT teilregierten Land keinen Führerschein besitzt und auch Autos generell fürchtet, studiert zunächst Malerei und Architektur. Sein Debüt als Schauspieler hat er 1952 in Mailand. Zusammen mit Kollegen spielt er in den kommenden Jahren politisch-satirische Revuen, bis sich die Gruppe nach einem Aufführungsverbot auflöst. Zusammen mit seiner Frau Franca Rame, mit der er seit 1954 verheiratet ist, beginnt er zunächst Stücke zu schreiben. Später gründet das Paar eine gemeinsame Theatergruppe.                    

Den internationalen Durchbruch schafft er 1960 mit dem Stück "Erzengel flippern nicht". Fos Theater probagiert das "Theater der großen Provokation". Immer wieder wird er in Prozesse verwickelt, mehrmals sogar auf offener Bühne verhaftet. Mit seinem politischen und kulturellen Engagement lässt er keine Gelegenheit aus, sich mit dem Staat und seinen Institutionen und dem Vatikan anzulegen. Der "Gaukler" Fo rebelliert gegen den Faschismus, stellt sowohl sein komödiantisches Werk wie seine Essays und Prosa-Texte gegen Intoleranz, Biedersinn und Machtstreben, gegen Fremdenfeindlichkeit und Separatismus.1997 bekam Dario Fo den Literaturnobelpreis verliehen.                                                                                                                                             

 Foto: dpa    

 

Dario FoFoto: AP

1 Verhaftung, 47 Prozesse, Dutzende Festnahmen; 47 Komödien, Hunderte Artikel, 65 Lieder, 82 Regiearbeiten in Theater, Film und Fernsehen und schlussendlich 1997 der Nobelpreis. Das ist die Lebensbilanz des italienischen Schriftstellers und Regisseurs Dario Fo.

 

"Die Macht, und zwar jede Macht, fürchtet nichts mehr als das Lachen, das Lächeln und den Spott. Sie sind Anzeichen für kritischen Sinn, Phantasie, Intelligenz und das Gegenteil von Fanatismus“ (Dario Fo).

 

„Die Mischung von Lachen und Ernst ist sein Mittel, um Übergriffe und Ungerechtigkeiten der Gesellschaft deutlich zu machen, aber auch um diese in eine größere Perspektive zu rücken." (Aus der Würdigung Fos durch die Schwedische Akademie anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises.)

Quelle: homepage des Margarete-Steiff-Gymnasiums Mengen: http://home.t-online.de/home/an.pflueger/kritik00.htm

 

Die Besetzung

Theaterspieler

Julia Dinkelacker

Jgst. 12

Enea

Maximilian Lotz

11b

Geschäftsmann

Sabrina Reichel

11b

Totengräber 1, Irrer 1, Richterin

Michael Meyer

ABI 2002

Totengräber 2, Irrer 2, Minister

Sarah Wolzen

8c

Totengräber 3, Irrer 3

Jasmin Bisanz

Jgst. 13

Totengräber 4, Irrer 4, Staatssekretärin

Thorsten Klein 10b Direktor, Pförtner

Andrea Rütschle

Jgst. 12

Priorin, Frau Geschäftsmann, Prostituierte 1

Vanessa Grünhagen

10c

Strichmädchen, Schwester 1

Angelika Schwörer

10b

Schwester 2, Prostituierte 2

Sonja Wolff

10b

Polizist 2, Diebin

Nathalie Schocker

10d

Polizist 1

Kerstin Weinert

10d

Kommissarin, Frau Pförtner

Christian Morlock   Jgst. 13 Professor

Jonas Langenbacher

11b Rapper

Technik

Johannes König 10b  
Johannes Pfleghar

Jgst. 12

 

Maske

Dörte Leinweber Jgst. 12  
Lena Morlock St. Elisabeth  

Bühnenbild, Programmheft

Karin Bauer    

Plakatgestaltung

Maximilian Lotz 11b  

Regie

Christian Morlock

Jgst. 13

 

Achim Vogel

 

 

Dank an:

Frau Corrinth, Herrn Westphal, Herrn Dr. Dollak, Herrn Hafner, 
den Malerbetrieb Schlegel, das Bestattungsinstitut Wurm, die neue arbeit gmbh, das Elektrogeschäft Lorch.

 

 

Pressestimmen

Vorbericht im Südkurier von Anfang Juli 2003

Von Kummer, Suff und Totengräbern
Makabre Gesellschaftskritik und reine Spielfreude: Theater-AG des GZG probt Dario Fos "Siebentens: Stiehl ein bisschen weniger"

Nach und nach füllt sich der Probenraum im Keller der alten Musikschule. Es ist heiß. Zunächst geht es um Requisiten. "Handschellen hätte ich zu Hause", sagt die "Polizistin" unter allgemeinem Gelächter. "Als Strichmädchen brauche ich noch eine Tasche mit einer goldenen Kette", tönt es aus der anderen Ecke. Dass für die Rolle des Direktors eine Jeanshose nicht unbedingt angemessen wäre, wird spontan von allen bestätigt. Leichte Rückenmassage fürs richtige Körpergefühl, dann geht's für Achim Vogel und sein Team aus der Theater-AG des Graf-Zeppelin-Gymnasiums voll zur Sache. Die Zeit bis zur Premiere am Seehasenfest wird knapp. Mit Dario Fos "Siebentens: Stiehl ein bisschen weniger" gilt es ein anspruchsvolles Stück aufzuführen, das jugendlichen Schauspielern alles abverlangt.
Zur Handlung: Enea, gespielt von Julia Dinkelacker aus der Jahrgangsstufe zwölf, hat´s ganz schön erwischt. Als einzige weibliche Totengräberin wird sie von ihren Kollegen ständig veräppelt, ertränkt ihren Kummer im Alkohol und geht in ihrer Vorstellung als Medium, das Kontakt zu den Toten aufnehmen kann, völlig auf. Unglaublich und dennoch real sind die dunklen Machenschaften, die der Friedhofsdirektor eingefädelt hat. Es geht um Grundstücksspekulationen, um Korruption, Erpressung und einen verrückten Professor. Enea wird als Mittel zum Zweck missbraucht und kann durch ihre Unbefangenheit und Spontaneität doch das Schlimmste verhindern, so dass am Schluss doch die Richtigen in der Irrenanstalt landen. Mit geöffneten Augen kehrt Enea auf ihren angestammten Platz auf dem Friedhof zurück.
"Fo zeigt in seiner politischen Groteske auf völlig überzogene Weise die Realität", sagt Achim Vogel, der mit 15 Schauspielern 28 Rollen besetzen muss und sich bewusst ist, wie schwierig es für die Akteure ist, sich auch durch die entsprechende Gestik und Mimik in die einzelnen Personen hineinzuversetzen. "Die Mischung von Lachen und Ernst ist Fos Mittel", betont Lehrer Vogel, der zusammen mit Abiturient Christian Morlock die Regie übernommen hat, "um Übergriffe und Ungerechtigkeiten der Gesellschaft deutlich zu machen, aber auch um diese in eine größere Perspektive zu rücken."
[Anm.: Das sagte nicht ich, sondern Fo höchstpersönlich, A.V.]
Die Proben sind entsprechend intensiv. "In der letzten Woche vor der Aufführung gibt es fast kein Privatleben mehr", so die allgemeine Einschätzung. Dennoch: Die reine Spielfreude ist den Schauspielern anzumerken. Die makabre Gesellschaftskritik, die auf der Grundlage des titelgebenden Siebten Gebotes aufgebaut ist, und in der komische und makabre Verwicklungen sich abwechseln, wird in einer erfrischenden Spielweise auf die Bühne gebracht. "Soll ich jetzt dumm spielen?", fragt Jasmin Bisanz, die nicht nur einen Totengräber darstellt, sondern auch in die gar nicht so entfernte Rolle einer Irren und einer Staatssekretärin schlüpfen darf. "Ja, aber keinen Suppenkaspar. Dümmlich naiv halt." Immer wieder gibt es Regieanweisungen: "Versucht mal, das Sprechen und diem Bewegung zu trennen." Auch Thorsten Klein hat als "Friedhofsdirektor" eine Weisheit parat: "Es ist bewiesen, dass der Totengräberberuf bei 80 Prozent der Betroffenen zum Wahnsinn führt." Alles klar?

Brigitte Geiselhart

Vorbericht in der Schwäbischen Zeitung vom 10. Juli 2003

Aberwitzig und skurril

"Siebentens: Stiehl ein bisschen weniger!" Dies rät nicht die Theater-AG des Graf-Zeppelin-Gymnasiums, sondern so heißt Dario Fos bissige Satire, die sie derzeit für die Premiere am Seehasenfreitag eifrig probt.

Als der berühmte italienische Theatermann Dario Fo 1997 den Nobelpreis für Literatur erhielt, hieß es in der Laudatio: "Die Mischung von Lachen und Ernst ist sein Mittel, um Übergriffe und Ungerechtigkeiten der Gesellschaft deutlich zu machen, aber auch, um diese in eine größere Perspektive zu rücken." Keine Angst, wenn das ein wenig intellektuell klingt: Dario Fo ist ein Vollblut-Theatermensch.
Langweilen mag man sich anderswo, aber keinesfalls bei Dario Fo, der das Volkstheater als Mittel nimmt, seine Gedanken weiterzugeben. Schlag auf Schlag, mit Spannung und Witz. Sein Volkstheater ist nicht volkstümelndes, sondern menschennahes Theater. In aberwitzigen, skurrilen Situationen hält er dem Besucher einen Spiegel vor Augen - oder ist es ein Brennglas, mit dem fokussiert wird, was stinkt in der Gesellschaft? Lügen, Betrug, Korruption, Manipulation, Skandale ...
Mit großem Elan spielt die von Achim Vogel geleitete Gruppe; er und Abiturient Christian Morlock führen gemeinsam Regie. Die 15 Spieler schlüpfen in 29 Rollen. Das meiste haben sie bereits gut im Kasten, nur an einer Szene wird noch intensiv gearbeitet. Der Ton wird verändert, einige Sätze gestrichen, die Wirkung einer Figur hinterfragt: Meint der Mann wirklich, was er sagt? Wen nimmt er ernst, wen benutzt er bloß? Und wie macht man das sichtbar? Achim Vogel ganz cool: "Wir haben noch drei Tage Zeit, überlegt euch das noch einmal."
Nonnen stehen auf der Bühne, doch sind sie überhaupt echt? Und die Irren: Sind sie wirklich irr oder ist es wie bei Dürrenmatt, dass das Irresein nur gespielt wird, um andere Ziele zu erreichen? Andeutungen müssen hier genügen, denn die Spannung, die ohnedies vorhanden ist, soll nicht geschmälert werden, wünschen sich die jugendlichen Spieler von Klasse 8 bis Jahrgangsstufe 13. Einer gehört noch zum Abiturjahrgang 2002.
Die meisten stecken in der Schule noch im Endspurt, werfen in Spielpausen schnell einen Blick ins Französisch- oder Chemiebuch. Könnte es nicht sein, dass man noch einmal drankommt? Dennoch wird beim Spiel kein Einsatz verpasst. Dazwischen kurze Lagebesprechungen, Ringen um noch besseres Theater. Musik wird ausprobiert, hier sind die Jugendlichen besonders wählerisch, bis ihr Ton getroffen wird.
Dario Fo schrieb Spielvorlagen, die ausgebaut, aktualisiert werden können. Diese Inszenierung ist sehr treffend aktualisiert worden und bietet auch dem politisch Interessierten eine anregende Vorstellung. Über die Farbe des Bühnenbildes mag man geteilter Meinung sein, das komisch-makabre Spiel um üble Machenschaften lohnt jedenfalls den Besuch. Um was es eigentlich geht? Pardon, das durfte wirklich nicht verraten werden!

Helmut Voith

Schwäbische Zeitung am 14. Juli 2003; Bild: Christl Voith
Berlusconi, Chirac, Schröder, Bush und Blair (v.l.) in der Diskussion.

Südkurier vom 14. Juli 2004

Schwarzer Humor vom Feinsten
Theater-AG des GZG begeistert mit Dario Fos "Siebentens: Stiehl ein bisschen weniger"

Das Leben ist absurd. Mit dem Geld anderer Leute nimmt es sowieso niemand so genau. Oder? Geschäftsleute, Minister und Staatssekretäre machen darin keine Ausnahme. Das siebte Gebot? Nie gehört. Aber da gibt´s auch noch die Leichtgläubigen und vermeintlich Dummen, die man auf den Arm nehmen und mit ihnen sein Spielchen treiben kann. Zu dieser Spezies gehört Enea, einzige weibliche Totengräberin der Welt. Sie ist naiv, sicherlich, dazu noch eine Säuferin. Aber Moral ist schließlich keine Frage der Intelligenz oder des Geldbeutels.
Mehr als Respekt gebührt der Theater-AG des Graf-Zeppelin-Gymnasiums für ihre Interpretation von Dario Fos "Siebentens: Stiehl ein bisschen weniger". Was die 15 jugendlichen Akteure in insgesamt drei Aufführungen auf die Bühne des Graf-Zeppelin-Hauses brachten, hatte Klasse und zeugte von erstaunlicher schauspielerischer Reife. Der Stoff, den der Literaturnobelpreisträger schon 1968 veröffentlichte, hat an gesellschaftlicher Aktualität und Brisanz nichts eingebüßt. Es geht um dunkle Machenschaften, Korruption und Erpressung, um den politischen Alltag eben.
Leichenhausatmosphäre. Drei Särge auf der Bühne. Ein vierter wird kurzerhand zum Vespertisch umfunktioniert. Enea, überzeugend gespielt von Julia Dinkelacker aus der Jahrgangsstufe zwölf, hat´s nicht leicht. Zuerst kein Glück und dann kommt auch noch Pech dazu. Von ihren männlichen Kollegen veräppelt, ertränkt sie ihren Kummer in Alkohol und flüchtet sich in Phantasien. Dass sie nicht auf den Strich geht und stattdessen "nur Lehrerin" werden könnte - wirklich eine unangenehme Vorstellung.
"Fo zeigt in seiner politischen Groteske auf völlig überzogene Weise die Realität", sagt Lehrer Achim Vogel, der zusammen mit Abiturient Christian Morlock die Regie übernommen hat. Die Mischung von todernsten Situationen und beißendem, schwarzen Humor macht die Faszination dieses Abends aus. Krasse Stimmungswechsel reihen sich zwanglos aneinander. Den Schauspielern gelingt es durchweg, die insgesamt 28 Rollen mit den ihnen zustehenden Charakteren auszufüllen und durch absolute Textsicherheit in dem Zweieinhalb-Stunden-Stück zu bestechen. Herausragend neben Julia Dinkelacker auch Christian Morlock als genialer "verrückter Professor" und Andrea Rütschle, die sich gleich in drei völlig unterschiedlichen Rollen als Frau des Geschäftsmanns, Prostituierte und Priorin präsentieren darf.
Auch im Irrenhaus geht es lustig zu. Besonders beliebt: Das Politspiel.
Makaber war´s und grotesk. Typisch Fo. Aber auch herrlich komisch, herzerfrischend und spontan. Es tut gut, ab und zu mal der Gesellschaft den Spiegel ungeschminkt vor das Gesicht zu halten. Das Leben ist eben absurd.

Brigitte Geiselhart

Südkurier am 14. Juli 2003; Bild: Hr. Schall